Skip to main content

Posts

Showing posts from January, 2016

Der dreißigste April

Am dreißigsten April luden mich Hugo und Luise ein, mit ihnen zum Jagdhaus zu fahren. Mein Mann war damals seit zwei Jahren tot, meine beiden Töchter waren fast erwachsen, und ich konnte mir meine Zeit einteilen, wie es mir gefiel. Allerdings nutzte ich meine Freizeit wenig. Schon immer fühlte ich mich zu Hause am wohlsten. Nur Luises Einladungen lehnte ich selten ab. Ich liebte das Jagdhaus und den Wald und war gern dazu bereit, drei Stunden im Auto zu sitzen. Auch an diesem dreißigsten April nahm ich die Einladung an. Wir wollten drei Tage bleiben, und es war kein anderer Gast eingeladen.

   Wir fuhren also drei Stunden mit dem Wagen und hielten im Dorf, um Hugos Hund vom Jäger abzuholen. Der Hund hieß Luchs.    Wir unterhielten uns ein wenig mit dem Jäger, und es wurde beschlossen, dass er am nächsten Abend mit Luise auf die Jagd gehen sollte.

   Erst gegen drei Uhr erreichten wir das Jagdhaus. Hugo begann sofort damit, aus dem Wagen neue Vorräte in die Küche zu bringen. Ich kochte…

Er spricht mit mir

Mein weg zu meiner Wohnung hier in New York führt durch das Schlafzimmer eines anderen Mannes. In der Regel schläft er schon, wenn ich nach Hause komme. Er geht früh zu Bett, zwischen neun und zehn, und oft liest er vor dem Einschlafen noch ein Buch. Ich gehe, wenn ich um elf Uhr vorbeikomme, auf den Zehenspitzen, und wenn die Nacht nicht zu kalt ist, sehe ich sein Gesicht, völlig entspannt wie das Gesicht eines Kindes, das Buch liegt noch aufgeschlagen neben ihm, es ist seinen Händen entglitten, eine Flasche mit Orangensaft steht neben seinem Bett. Ein bißchen peinlich ist es schon, jeden Abend auf den Zehenspitzen durch sein Schlafzimmer gehen zu müssen. Trotzdem, wenn er noch wach ist, grüßt er freundlich, wünscht mir eine gute Nacht, und ich erwidere den Wunsch. Er ist mein Nachbar und wir kennen uns, ohne dass ich seinen Namen und seine Geschichte kennen würde. Aber würde er mir begegnen, irgendwo in einem Bahnhof, ich würde ihn wiederkennen, würde auf ihn zugehen und sagen, wir …

Der Clochard

Wenn er dem Clochard begegnete oder ihn irgendwo sitzen sah, verspürte er nur noch jene Empfindung, die allgemein als Toleranz bezeichnet wird: ein sehr vages Gefühlsgemisch von Ektel, Verachtung und Mitleid. Der Mensch regte ihn nicht mehr auf, der Mensch war ihm egal. Er war ihm egal gewesen bis auf den heutigen Tag.    Der Clochard saß drüben auf der Bank und war mit seiner Mahlzeit fertig. Er hatte den faulen, satten Körper der Länge nach ausgestreckt, um Mittagsruhe zu halten. Jetzt schlief er – fest und friedlich. Jonathan betrachtete ihn. Und indem er ihn betrachtete, befiel ihn eine seltsame Unruhe. Wie war es möglich – so fragte er sich – dass dieser Mann mit über fünfzig Jahren überhaupt noch lebte? Hätte er bei seiner verantwortungslosen Lebensweise nicht längst verhungert, erfroren, von einer Leberzirrhose tot sein müssen? Statt dessen aß und trank er mit bestem Appetit, schlief den Schlaf des Gerechten und erweckte den Eindruck eines Menschen, der mit sich und der Welt in …

Ein neuer Anfang

Eva, Literaturprofessorin, erwartet den Besuch einer ihrer Schülerinnen. Eva Kindig deckte den Gartentisch, stellte Limonade, Kekse und Gläser bereit. Ihre Bewegungen waren hastig. Ein Glas fiel ihr beinahe aus der Hand. Walter Kindig schaute seine Frau prüfend an. ‚‘Du hast ein bißchen Angst, nicht wahr ?’‘ Eva Kindig nickte. ‚‘Hoffentlich ist sie nicht deprimiert. Ich mach‘ mir Vorwürfe. Vielleicht hab‘ ich zu große Hoffnungen in ihr erweckt mit dieser Theatergruppe…’’ ‚‘Blödsinn!‘‘ sagte walter. ‚‘Das Theaterspielen hat so vielen Schülern Spaß gemacht. Und bloß weil eine davon sich unberechtigte Hoffnungen gemacht hat, darfst du nicht die ganze Sache verdammen !’’ Trotzdem. Du darfst nicht vergessen, dass auch ich dazu beigetragen habe, dass Julia den falschen Weg eingeschlagen hat‘‘, antwortete Eva bedrückt. Walter legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. ‚‘Es ist doch nicht deine Schuld, dass sie die Aufnahmeprüfung am Stadttheater nicht bestanden hat. Erinnerst du dich nicht meh…

Featured

Contact Us

Name

Email *

Message *